Zwischen Freund Hein und Freund Heine – Peter Rühmkorf nachgerufen

 

 

22. 23. September. HOTEL ASTORIA, Leipzig, geräumiger alter Plüschkasten sehr nach unserem Gusto – weitgeschnittene Spendierhosen. 17.00 Hühnerfrikassee, 18.00 Soundcheck in „Leipzig Information“, aber der von wochenlanger Sonne aufgeheizte Saal offenbar ohne angemessene Be- und Entlüftung. 20.00 Auftritt vor einem nun bereits spürbar ionisierten und politisierten Publikum, u. bei der Stelle „Unter uns: dass in deinem Abwinken / immer noch mehr Kraft war als in anderer Leute Sonnenaufgängen“ ein so hier noch niemals vernommener und von lebhaften Belustigungszeichen untermalter Zeilen-Szenenapplaus. Meinen eigenen Worten noch einmal nachgelauscht und – ahja: parteigetreuer Anpasser ist hier keiner mehr, zum offenen Widerstand reicht der Mumm auch noch nicht ganz, aber der Abwinker, Wegwischer, Buckelrauskehrer finden ganz offenbar ihre Lobby. Habent sua fata libelli, und so die einzelnen Gedichte, die aus privaten Anlässen entstanden, plötzlich einen ganz neuen politischen Nerv berühren.

Peter Rühmkorf: Tabu I. Tagebücher 1989-1991, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1995, S. 86

 

Das Hotel Astoria, ehmals das „erste Haus am Platze“, steht seit rund zwanzig Jahren leer und wartet darauf, wachgeküsst zu werden; anstelle der Hässlichkeit der „Leipzig Information“ erhebt sich ein nicht minder unansehnlicher, glasumhüllter Kasten, der das „Bildermuseum“ beherbergt.

Peter Rühmkorfs Jazz-und-Lyrik-Konzert in Leipzig, mit Michael Naura (p) und Wolfgang Schlüter (vib) fiel 1989 in jene Zeit seit dem Mai, in der die gesellschaftlichen Dinge in der DDR langsam ihrem Zusammenbruch entgegentrieben. Die Stimmung bei jenem Konzert war aufgeladen, nicht nur wegen der fehlenden Be- und Entlüftung.